Pfalzklinikum für Psychiatrie und Neurologie AdöR Klingenmünster

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Parkinson-Krankheit: Früh erkennen und ganzheitlich angehen

 

Früher hieß sie „Schüttellähmung“, die 1817 nach ihrem Entdecker benannte Hirn-Erkrankung, deren auffälligstes Symptom das Zittern ist. Man schätzt, dass in Deutschland etwa 150.000 bis 200.000 Menschen an der Parkinson-Krankheit leiden. Jedoch wird bei weitem nicht jeder dieser Patienten auch behandelt. Dabei gehört die Parkinson-Krankheit inzwischen zu den am besten behandelbaren neurologischen Krankheiten. Mehr noch: Die richtige Auswahl unter den verschiedenen Therapien vermag nicht nur, die  Lebensqualität zu Beginn der Erkrankung weitgehend zu erhalten. Vielmehr können auch Probleme in der Langzeitbehandlung großteils vermieden oder erheblich reduziert werden.
Für die Entstehung der Parkinson-Krankheit ist eine Stoffwechselstörung im Gehirn verantwortlich. Diese führt unbehandelt nach und nach zu verlangsamten und allgemein erschwerten Bewegungsabläufen, häufig auch zu einem Zittern. Man zählt die Parkinson-Krankheit deshalb zu der Gruppe der Bewegungsstörungen. Den typischen Symptomen der Parkinson-Krankheit liegt eine Störung in einem kleinen, eng begrenzten Gebiet tief im Inneren des Gehirns zugrunde. Weil die Nervenzellen in diesem Gebiet einen schwarzen Farbstoff enthalten, wird es „schwarze Substanz“ (Substantia nigra) genannt).

Botenstoff Dopamin leitet Bewegungsimpulse weiter
Von der schwarzen Substanz führen Nervenfasern zu einem etwa 6 cm entfernten Gebiet, welches ebenfalls tief im Inneren des Gehirns liegt, aber etwas weiter vorne und etwas weiter oben. Dieses Gebiet, zu dem die Nervenfasern ziehen, wird Streifenkörper genannt (Striatum). Die Weiterleitung der Bewegungsimpulse von der schwarzen Substanz zum Streifenkörper hin erfolgt mit Hilfe eines chemischen Überträgerstoffes (Botenstoff) namens Dopamin. Der Überträgerstoff Dopamin wie auch die Nervenzellen der schwarzen Substanz und des Streifenkörpers sind wesentlich an der Kontrolle und Steuerung von Bewegungen beteiligt.
Bei jedem Menschen nimmt die Zahl der Verbindungsfasern von der schwarzen Substanz zum Streifenkörper hin und damit auch der Gehalt an Dopamin im Laufe des Lebens allmählich ab. Beim Parkinson-Kranken gehen die Zellen der schwarzen Substanz schneller zugrunde, ohne dass wir die Ursache dafür bisher kennen. Die Folge davon ist, dass die Dopamin-Konzentration im Streifenkörper stark vermindert ist und dass ein Ungleichgewicht mit anderen Überträgerstoffen entsteht: Die harmonische Steuerung der Bewegungen ist gestört und es kommt zu den typischen Symptomen der Parkinson-Krankheit.

 

Ursachen noch ungeklärt
Auch wenn die Ursachen für den Verlust an Zellen in der schwarzen Substanz und am Botenstoff Dopamin nicht geklärt sind: Wir wissen, dass die Reserve des Gehirns groß ist. Mehr als die Hälfte der Zellen der schwarzen Substanz, vielleicht sogar 60 bis 70 % müssen zugrunde gegangen sein, bevor man im Alltag Symptome der Krankheit bemerken kann.
Diese Zeitspanne, in der unbemerkt Zellen der schwarzen Substanz zugrunde gehen, wird auf etwa fünf Jahre geschätzt. Aber auch dann, wenn bereits leichte Frühsymptome bestehen, vergehen bei mehr als der Hälfte der Patienten noch weitere zwei bis drei Jahre, bis die richtige Diagnose „Parkinson-Syndrom“ gestellt wird.
Zwar ist das Vollbild der Parkinson-Krankheit sehr typisch und für den Arzt im Allgemeinen auch leicht zu erkennen. Das Vollbild liegt dann vor, wenn sich die Hauptsymptome Rigor (Muskelsteifigkeit), Akinese (Unbeweglichkeit) und Tremor (Zittern) ausgebildet haben. Wenn man sich den zugrunde liegenden schleichenden Mechanismus vor Augen führt, wird aber verständlich, dass die Symptome zu Beginn meist uncharakteristisch sind und leicht mit anderen Krankheiten verwechselt werden können.

 

Wenn das Schuhe-Zubinden schwerfällt
Häufig fallen den Patienten Tätigkeiten schwer, die von der Feinmotorik bestimmt werden: Das Binden der Schuhe, das Zuknöpfen der Kleidung, das Einfädeln eines Fadens, das Schreiben. Beim Schreiben fällt insbesondere die zunehmend kleiner werdende Handschrift auf (Mikrographie). Häufig treten Symptome anfangs nur halbseitig auf: Ein Arm schwingt beim Gehen nur vermindert mit, ein Bein wird nachgezogen, eine Hand zittert, obwohl sie entspannt aufliegt. Die verminderte Beweglichkeit zeigt sich aber nicht nur beim veränderten Gangbild, auch Veränderungen in der Stimme können auftreten, sie kann leiser und weniger ausdruckstark werden. Das Ungleichgewicht der Überträgerstoffe im Gehirn führt dazu, dass die Muskulatur sogar in Ruhe in einem erhöhten Spannungszustand bleibt. Dies verursacht häufig bereits in der frühen Phase der Erkrankung Rückenschmerzen und Schmerzen im Nacken- und Lendenbereich, die dann mit Schmerzen in Folge Arthrose oder Rheuma verwechselt werden können.
Im Zusammenspiel mit diesen Frühzeichen der Erkrankung können auch seelische Beschwerden auftreten wie Antriebslosigkeit, Rückzug und das Gefühl, sich nicht mehr richtig freuen zu können. Eine solche depressive Verstimmung stellt ebenfalls ein häufiges Frühzeichen der Erkrankung dar. Umgekehrt können die Einschränkungen in Mimik und Beweglichkeit oder auch die gebeugte Körperhaltung nach außen hin den Eindruck von Teilnahmslosigkeit und Trauer vermitteln, obwohl sich der Betroffene gar nicht traurig fühlt.

 

Erste Anzeichen erkennen!
Alle diese genannten Symptome können erste Anzeichen einer Parkinson-Erkrankung sein. Wichtig ist, dass man überhaupt an die Möglichkeit einer Parkinson-Erkrankung denkt. Eindeutige Routineuntersuchungsmethoden, zum Beispiel Laborwerte in Blut oder Urin, mit deren Hilfe man einen objektiven Nachweis der Krankheit erbringen könnte, fehlen bisher. Bildverfahren wie die Computer- oder Kernspintomographie können lediglich andere in Frage kommende Krankheitsbilder nachweisen oder ausschließen, der direkte Nachweis einer Parkinson-Erkrankung ist mit ihnen aber nicht möglich. Sehr aufwändige bildgebende Verfahren aus der Nuklearmedizin (z.B. PET, SPECT) sind zwar aussagekräftiger, auf Grund ihres Aufwandes und Preises aber nicht in der Routinediagnostik möglich. Die Diagnose ist daher nach wie vor eine klinische, das heißt der Arzt muss sie in erster Linie auf Grund der körperlichen Untersuchungsbefunde stellen.
Mit der Diagnosestellung ist meist auch die Einleitung einer Therapie verknüpft. Weil die Grundlage für die Erkrankung das Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn darstellt, ist es von zentraler Bedeutung, die Botenstoffe wieder in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen.
Am naheliegendsten ist es, den fehlenden Botenstoff direkt zu ersetzen. Dies gelingt über einen Trick, indem man eine Vorstufe des Überträgerstoffes Dopamin verabreicht, die dann im Gehirn zu Dopamin selbst umgewandelt wird (sogenannte L-DOPA-Ersatzpräparate). Weil die L-DOPA-Ersatzpräparate nur relativ kurz wirken, hat man länger wirksame chemische Ersatzstoffe für Dopamin entwickelt (sogenannte Dopamin-Agonisten), die eine ähnliche Wirkung wie Dopamin entfalten. Ein anderer Ansatz, die relativ kurze Wirksamkeit von Dopamin bzw. der künstlich zugeführten Vorstufe L-DOPA zu verlängern, beruht darauf, den Abbau von Dopamin zu verzögern und den Botenstoff damit länger und stärker wirken zu lassen (sogenannte COMT-Hemmer und MAO-B-Hemmer).

 

Neuer Ansatz: „Hirnschrittmacher“
Alle diese medikamentösen Therapieansätze zielen darauf ab, die geschwächte Rolle des Dopamin zu stärken und damit das Übergewicht der anderen Überträgerstoffe wieder auszugleichen. Ein zusätzlicher Ansatz kann sein, dass man die Gegenspieler von Dopamin schwächt, um über diesen indirekten Weg die Überträgerstoffe wieder in ein harmonisches Gleichgewicht zu führen (Glutamatantagonisten, Anticholinergika).
Ganz neue Behandlungsmöglichkeiten hatten sich in den letzten Jahren insbesondere für Patienten eröffnet, die unter ausgeprägten Spätkomplikationen der Erkrankung leiden: Vor allem sind es neurochirurgische Therapieverfahren, die jetzt viel schonender und weniger nebenwirkungsbehaftet als früher angewandt werden. So können computergesteuert Elektroden in bestimmte, tief im Inneren des Gehirns liegende Bewegungszentren eingebracht werden, die je nach Lage entweder therapieresistentes Zittern oder nicht beherrschbare Wirkungsschwankungen der Medikamente ausgleichen können. Man spricht dabei allgemein von „Tiefenhirnstimulation“ oder „Hirnschrittmachern“.
Langjährige Erfahrungen im Pfalzklinikum und in anderen neurologischen Kliniken zeigen: In allen Stadien der Parkinson-Krankheit kann ein optimales Behandlungsergebnis nur erzielt werden, wenn medikamentöse Therapie, Physiotherapie und psychosoziale Betreuung in einem ganzheitlichen Therapiekonzept gleichberechtigt nebeneinander stehen.

 

Belastungssituationen nicht meiden, sondern gemeinsam meistern
Je nach Lebensalter und Stadium der Erkrankung kann die Physiotherapie aus Sport- und Entspannungstherapie bestehen, aber auch aus aktiver Krankengymnastik, Sprach- und Atemtherapie.
Psychosoziale Betreuung bedeutet immer, auch den Lebenspartner und die Familie mit einzubeziehen. Mit einzubeziehen darin, die Krankheit zu akzeptieren, offen darüber reden zu können und alltägliche Belastungssituationen gemeinsam zu meistern, indem man sie zum Beispiel vorher durchspielt und sich ihnen dann stellt, anstatt sie zu meiden. Psychosoziale Betreuung kann in stützenden Gesprächen durch den Arzt bestehen, aber auch im Austausch mit den Angehörigen oder in der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. Dahinter sollte in jedem Krankheitsstadium immer der Gedanke stehen, Hilfe zur Selbsthilfe zu vermitteln, um zwar die Einschränkungen durch die Krankheit zu akzeptieren, aber alle noch verbliebenen Möglichkeiten voll auszuschöpfen: Sei es das aktive Weiterführen der Berufstätigkeit, die Planung einer Urlaubsreise oder die Teilnahme an einer öffentlichen Veranstaltung.
Für Parkinson-Kranke stehen heute eine Vielzahl von bewährten und zunehmend auch neuen therapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung. Es gilt, diese individuell auf den jeweiligen Patienten, vor allem auf sein Lebensalter und das Stadium der Erkrankung abzustimmen und ihm den Umgang mit der Erkrankung zu erleichtern. Damit bestehen gute Voraussetzungen, fast jedes Stadium der Erkrankung erfolgreich anzugehen.

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