Landesgedenkveranstaltung am 27.01.2009
"Im Umgang mit kranken und behinderten Menschen zeigt sich die Qualität einer Gesellschaft", sagte Ministerpräsident Beck am 27. Januar in Klingenmünster. Am bundesweiten Gedenktag für die Opfer der NS-Diktatur hatte der rheinland-pfälzische Landtag zu einer auswärtigen Sitzung ins Pfalzklinikum für Psychiatrie und Neurologie eingeladen. Daran nahmen auch die Landesregierung und zahlreiche Gäste teil, unter ihnen auch Patienten und deren Angehörige sowie Mitarbeiter des Klinikums teil.
Die würdige Veranstaltung wurde von der ST-Band aus dem Pfalzinstitut unter der Leitung von Musiktherapeutin Saskia Schmitt und Krankenpfleger Rudi Pericki mitgestaltet. Sie erinnerten mit ihren Liedern an die "Kinder von Izieu" und schlugen einen musikalischen Bogen ins Heute mit den Songs "Das hat die Welt noch nicht gesehn" und "Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen".
Landtagspräsident Joachim Mertes würdigte die Gedenkarbeit am Pfalzklinikum, die in der Einweihung der Pfälzischen Gedenkstätte für die Opfer der NS-Psychiatrie auf dem Klinikfriedhof im April 2008 ein neues deutlich sichtbares Zeichen gesetzt habe. Er kündigte eine Novellierung des Landesarchivgesetzes an, um die Forschungsarbeit zu erleichtern und den Opfern mit "ihrem Namen auch ihre Würde zurückgeben" zu können.
Den "Sinn des Gedenkens für uns" heute stellte Bezirkstagsvorsitzender Theo Wieder in den Mittelpunkt seiner Ansprache. Über das Erinnern hinaus sei es erforderlich, "jeder Missachtung der Würde des Menschen entschieden entgegen zu treten, wo immer sie auch anzutreffen ist." Er versprach, dass sich das Pfalzklinikum und der Bezirksverband Pfalz auch in Zukunft der Aufgabe stellen werden, eine Gesellschaft mitzugestalten, "wo Vorurteile, Ignoranz und Hochmut keine Chancen haben".
Dr. Georg Lilienthal, Leiter der Gedenkstätte in Hadamar, hatte seinen Vortrag unter den Titel "Krankenmord in der NS-Zeit und das Gedenken in Rheinland-Pfalz" gestellt. Er berichtete eindrucksvoll anhand von Lebensgeschichten ermordeter Patienten von den Ängsten und Qualen psychisch kranker und behinderter Menschen, die Hilfe suchten und den Tod fanden. Auch etwa 300 Patienten aus Klingenmünster waren in der Tötungsanstalt Hadamar und in anderen Anstalten unter dem Vorwand zu duschen in die Gaskammer geschickt worden. In der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Klingemünster selbst waren darüber hinaus etwa 1700 Patienten durch gezielten Nahrungsentzug, unterlassene Hilfeleistung oder überdosierte Medikamente gestorben.
Den gemeinsamen Gang zur Kranzniederlegung auf der Gedenkstätte führten Pfarrer Wolfgang Roth und Pastoralreferent Michael Reis vom ökumenischen Team der Klinikseelsorge an. Sie sprachen an der Skulptur "Zwischen den Schneiden" des pfälzischen Bildhauers Volker Krebs Worte des Gedenkens und ein Gebet. Wichtiges Ziel der Gedenkarbeit sei auch "Klarheit für die Zukunft zu schaffen: dass wir achtsam sind im Blick auf die uns Anvertrauten und auf uns selbst. ... und dass wir so in unserer Arbeit das Leben fördern".
Der Personalrat des Pfalzklinikums hatte bereits am Vortag zum Gedenken in der Klinikkirche eingeladen. Als gewählte Mitarbeitervertretung bekräftigte der Rat damit seine Resolution aus dem Vorjahr, in der er sich anlässlich der Einweihung der Gedenkstätte zu "gemeinsamer Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung, Missachtung und Ausgrenzung von Menschen" verpflichtet hatte.
