Pfälzische Gedenkstätte für die Opfer der NS-Psychiatrie
Unter großer Anteilnahme wurde am 11. April 2008 die Pfälzische Gedenkstätte für die Opfer der NS-Psychiatrie auf dem Friedhof des Pfalzklinikums in Klingenmünster eingeweiht. Mit Dvorak-Klängen stimmte ein Blechbläser-Ensemble der Hochschule für Musik Frankfurt/Main auf die würdevolle Veranstaltung ein. Bezirkstagsvorsitzender Theo Wieder konnte zahlreiche Gäste begrüßen, unter ihnen auch Patienten und Bewohner, deren Angehörige, Mitarbeiter des Pfalzklinikums, Vertreter von Betroffenen-Initiativen und Interessierte aus der ganzen Pfalz. Auch die früheren Bezirkstagsvorsitzenden Dr. Werner Ludwig und Joachim Stöckle waren gekommen.
Zu Beginn enthüllte Ministerpräsident Kurt Beck gemeinsam mit dem pfälzischen Bildhauer Volker Krebs dessen Skultur "Zwischen den Schneiden", die im Zentrum der neu gestalteten Anlage steht. Nach einer Gedenkminute überreichte er Geschäftsführer Rainer Anstätt die Urkunde zum Nachweis als anerkannte Gedenkstätte.
In seiner Rede verurteilte der Ministerpräsident die Gräueltaten während der NS-Diktatur auf das Schärfste. Er würdigte aber auch die Verdienste des Bezirksverbands und Pfalzklinikums zur Aufarbeitung in den vergangenen Jahren. Meilensteine der erst spät aufgenommenen Erinnerungsarbeit waren die Einweihung des Gedenksteins in der Klinikallee 1993 und die Herausgabe des Buches "Die Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster 1933 - 1945" im Jahr 1999.
Der Leiter der Gedenkstätte Hadamar Dr. Georg Lilienthal berichtete von einer zunehmenden Anzahl von Anfragen aus der Enkelgeneration nach dem Schicksal ihrer Angehörigen, die während der NS-Zeit in psychiatrische Anstalten gebracht worden waren und dort zu Tausenden getötet wurden. Renate Rosenau von der AG Psychiatrie im Nationalsozialismus in Alzey forderte die anwesenden Veranwortlichen dazu auf, weitere Forschung zu ermöglichen und dafür auch die archivrechtlichen Voraussetzungen zu schaffen. Der Ärztliche Direktor des Pfalzklinkums Prof. Dr. Reinhard Steinberg erinnerte an Verbrechen, die "in ihrer perfiden Perfektion ein ungeheures Ausmaß" erreicht hatten und zog daraus die Lehre: "Unsere ethischen Grundsätze des Lebens müssen so wach und fest bleiben, dass sich eine derartige Entwicklung weder in der Psychiatrie noch in anderen in der Gesellschaft Verantwortung tragenden Gruppierungen wieder etablieren kann."

Die Klinikseelsorger Gabriele Bamberger und Joachim Geiling nahmen diese Botschaft auf, indem sie eine kunstvoll gestaltete Kerze entzündeten und den Teilnehmern beim Verlassen des Friedhofs einen "Mutmachstein" überreichten. In schwierigen Situationen soll er die Notwendigkeit von Zivilcourage bekräftigen.
Bei strömendem Regen gingen dann eine Reihe von Interessierten - vorbei am Gedenkstein - ins Kommunikationszentrum zum Gedankenaustausch. Hier nutzten sie auch die Möglichkeit, um mit dem Künstler Volker Krebs ins Gespräch zu kommen. Er betonte, dass er mit seiner Skulptur nur eine Facette der vielschichtigen Thematik aufgreifen konnte und sich bewusst für diese Umsetzung entschieden habe: "Eine überlebensgroße Figur aus pfälzischem Sandstein steht zwischen zwei fünf Meter hohen Stahlformen. Scherengleich klemmt das Metall die Figur ein. Diese widersetzt sich dieser Bewegung, indem sie eine balkenähnliche Form, die aus ihrer Schulterpartie erwächst zwischen die Schneiden trägt. Dadurch wird die Bedrohung angehalten und der Körper bleibt unversehrt. Auf den ersten Blick könnte man an ein Kruzifix erinnert werden, das ist aber nur ein abgeleiteter Teilaspekt der inhaltlichen Deutung. Ich verwende bewusst ein bekanntes Element, um meine Aussage darüber hinauszuführen. Mir geht es nicht darum den leidenden und geschundenen Menschen darzustellen, sondern Wege aufzuzeigen, einer Bedrängnis etwas entgegenzusetzen und sie zu überwinden. In unserem konkreten Fall verstehe ich meine Kunst nicht als Darstellung des Elends und der Frevel der NS-Diktatur. Der Betrachter soll andere Aspekte und Assoziationen mitnehmen, deshalb der "unleidende" Gesichtsausdruck der Figur."
In den nächsten Monaten sollen auf dem Friedhof Stelen mit Informationen und weitere Gestaltungselemente in die Grünflächen integriert werden. Inhaltliche und gestalterische Fragen werden mit interessieten Menschen diskutiert. Angehörige von (ehemaligen) Patienten oder Bewohnern, Mitarbeiter, Schüler des Südpfälzischen Zentrums für Pflegeberufe oder der umliegenden Schulen und Ausbildungsstätten und weitere Interessierte sind zur Mitarbeit eingeladen. Es ist geplant, die Gedenkstätte perspektivisch durch den Aufbau eines Informations- und Dokumentationsbereiches zu erweitern.
Am 14. April hat der Personalrat des Pfalzklinikums eine Resolution verabschiedet, in der sich die Mitglieder zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte verpflichten. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen wolle man diese Verantwortung tragen, "indem wir die Menschen, die ihr Leben gelassen und die gelitten haben, ehren und Trauer zulassen" sowie "indem wir Wachsamkeit üben gegenüber Diskriminierung, Missachtung und Ausgrenzung von Menschen".
Hier finden Sie die Ansprachen und Beiträge anlässlich der Einweihung.
